Auszug aus der Vorrede des neuen Buches "Was ist Spiritualität?"

W a s ist Spiritualität? Diese Frage ist nicht so seltsam, wie sie zunächst wirken mag. Als ein Sammelsurium von Weltanschauungen und Praktiken unter dem Banner der Selbsttranszendenz scheint sie sich einer gewissen Klarheit zu entziehen. Was ist es genau, dieses spirituelle Leben? Ist es nur eine Art Bricolage, sowohl konzeptionell als auch in Ausübung, oder ist da gewisse geheime Architektur oder auch eine Ganzheit, dass das Spirituelle zu etwas Denkwürdigem, womöglich zu etwas Essentiellem der menschlichen Natur erhebt. Ist sie vielleicht m e h r als die Summe seiner aus allen Teilen der Welt zusammengewürfelten Teile? Und wie könnten wir uns diesem 'mehr' annähern?

Können wir infolgedessen überhaupt von d e r Spiritualität sprechen, als einem Ding an sich, als etwas, das über Struktur und Form verfügt, dass sich über bestimmte Kommunikation und Praktiken stabilisiert und andere dabei ausgrenzt? – so wie sich die Wissenschaft über Methode und Kommunikation über Wahrheit und Falschheit von anderen Domänen des Lebens abgrenzt.

Ist da, noch einmal anders formuliert, ein L o g o s der Spiritualität sichtbar, ein Sinn, womöglich schürfbar, und damit ihr innewohnend eine generelle Richtung, ein T e l o s, ein allgemeines Ziel, ja, eine Weise des Seins, gar eine allgemeine Praxis? Wenn ja, müsste dies bedeuten, dass sie, wie etwa die Wissenschaft oder Wirtschaft auch, in einem wechselseitigen Bezug zu allen anderen Bereichen des Lebens steht. Das allgemeine Leben müsste durch sie nutznießen. Sie, die Wissenschaft, stellt ihre Erkenntnisse dem Ganzen zur Verfügung, tritt aus sich hinaus, wird so anschlußfähig. Ist die Spiritualität etwas, was wir daher nicht nur ernst nehmen können, sondern in ihrem kulturellen Gesamtzusammenhang ernst nehmen müssen?    

Womöglich – und ich bin Anhänger der piaget´schen Idee – wissen wir noch gar nicht, was d i e Spiritualität ist, oder was sie sein kann. Hatte Jean Piaget nicht gezeigt, dass wir gewisse Dinge erst ausleben müssen, b e v o r wir sie verstehen? Spielt nicht ein Kind, bevor es die Regeln beschreiben kann? Müssen wir nicht träumen, bevor wir den Traum analysieren und verstehen können? Folgt der Säugling nicht seinen biologisch mitgegebenen Instinkten, bevor es Konzepte über sein Verhalten bilden kann? Handeln wir nicht manchmal, bevor wir diese Handlungen verstehen können? Mussten wir nicht kulturhistorisch erst bestimmte immer wiederkehrende Verhaltensmuster in Form von Mythen und Gottesbildern ausleben, bevor wir ihren psychologischen Gehalt erkennen konnten? Müssen wir nicht so lange die Iterationen und Wiederholungen auf einer Entwicklungsstufe des menschlichen Bewusstseins ausleben, bis wir ihr implizites Paradigma erkennen und damit im sozialen Dialog verändern können? Es sind die Iterationen einer Sache, die ihre Form klar machen, ihre Kanten schärft und ihren Sinn enthüllt.

In der Tat, warum sollte es sich mit kulturellen Phänomenen anders verhalten? Womöglich hat sich die Spiritualität bislang tatsächlich nur in Fragmenten gezeigt, danach drängend, als Ganzes verstanden zu werden und über ihre eigene zerfasernde Form hinauszuwachsen, um ihren Kern, ihren Logos, und ihren Telos, zu enthüllen. D i e s soll unser Ausgangspunkt sein; ich werde es rekurrierend erwähnen, damit es nicht in Vergessenheit gerät: Womöglich träumten wir in den letzten Millennien die Spiritualität, ohne sie richtig zu verstehen. Womöglich waren wir in ihren Symbolismen und kulturellen Ausformungen gefangen. Vielleicht offenbart sie ihren Kern erst jetzt, nachdem alle archaischen, vormodernen, modernen und postmodernen Iterationen durchgespielt wurden. Vielleicht können wir erst jetzt sehen, was es ist, was sie ermöglicht. Sogar die Philosophia Perennis, einen gemeinsamen Ursprung postulierend, konnte es noch nicht klar erkennen, legte es ihr Augenmerk auf metaphysische Zusammenhänge und nicht womöglich grundlegende biologische – oder allgemeiner: existenzielle – Bedingungen. Was wir in dieser Hinsicht erst jetzt zu sehen vermögen ist, dass sich die Spiritualität notwendigerweise mit dem Menschsein selbst erhob; wir brauchen keine metaphysischen Erklärungen, wenn wir die Anfangs-Bedingungen richtig verstehen.

Denn erweitert man experimentell den Zeithorizont und betrachtet alle historischen Formen von denfrühmenschlichen Begräbnisriten über die archaischen Formen des Schamanismus, hin zu den mesopotamischen, ägyptischen und griechischen und östlichen Kulten zu den großen Weltreligionen und Traditionen, dem Christentum, dem Hinduismus und Buddhismus und so weiter, hin zur der Alchemie, dem Esoterizismus, dem Hermetismus hin zu der Lebensreform und dem New Age als I t e r a t i o n e ndieser einen und derselben Grund-Bedingung, so muss man fragen: Was ist es eigentlich, was sich hier ausdrücken und gewusst werden will? Was ist es, das iteriert? 

In diesem Zusammenhang muss gesagt werden, dass eine erste Konsequenz wäre, dass ich mich verweigere, in Bezug auf all die erwähnten kulturellen Phänomene oder Strömungen als religiöse Phänomene zu sprechen, wie es zuweilen getan wird. Nicht nur, weil der ursächliche lateinische Begriff im Kontext der quasi-spirituellen Gesamthistorie von mindestens dreihunderttausend Jahren des Menschen ein relativ junger Begriff ist; nicht nur, weil er sich bis heute einer eindeutigen Definition entzieht; nicht nur, weil eben dieser Begriff schon bald scheitern sollte, östliche Traditionen und Weisheitslehren angemessen zu erfassen; nicht nur, weil eine zugeschriebe Hinwendung, Bindung oder auch Abhängigkeit von einem vorausgesetzten Gott nicht notwendiger Teil aller prä-modernen Formen des Spirituellen war; – sondern auch und vor allem, weil gewisse spirituelle Phänomene überlebt haben, während ihre mythologischen Aspekte gefallen sind. Was immer ein Gott heute sein soll, so verletzt doch jedwede Anbiederung an sich schon unser Ehrgefühl. Der Turm – das Gotteshaus selber – ist tatsächlich gefallen, wie vom Christentum vorausgesagt, wie im Tarot prognostiziert. Und nicht nur in diesem Fall hat die christliche Geschichte ihr eigenes Ende vorausgesehen – oder hat, wie im Falle der Wissenschaft: e x p l i z i t darauf hingearbeitet – entstand doch das rational-empirische Denken durch die Arbeit religiöser Hände. Und dennoch stehen wir trotz allem und in bemerkenswerter Weise nicht mit leeren Händen da.

Doch dies soll kein Abgesang auf zweitausend Jahre westlicher Kulturgeschichte sein. Ganz im Gegenteil können wir womöglich – so glaube ich! – das Wesen des Spirituellen besser verstehen, wenn wir uns dem Religiösen erneut zuwenden, unsere automatische Aversion überwinden, um ihren wahren Gehalt – womit ich meine: ethischen Gehalt – zu würdigen. Gerade das Christentum hat sich ja nur wenig mit wirklich metaphysischen Fragestellungen beschäftigt. Die Frage, was ein Gott sei oder woher er kommt, bleibt im Buch der Bücher interessanterweise ungeklärt.

Es ist nicht nur die christliche Moral, die wir heute ausnahmslos internalisiert haben. Wir müssen unseren Blick erneut auf die Tatsache richten, dass überdies ihre narrative Geschichtsstruktur mehr denn je etwas über unser alltägliches Leben aussagt. Dein Mann, deine Frau hat dich verlassen: Du hast den Sündenfall und dem Fall aus dem Paradies noch nicht verstanden! Verzweifelst Du am Leben, der Erfolg wird Dir versagt –  so ließ‘ erneut die Geschichte von Kain und Abel! Die Bedeutung dieser Geschichten muss gerade im Zeitalter der Psychologie einer neuen Einschätzung unterworfen werden. Wir wissen: Wir leben durch Narrationen und Geschichten, ohne diese ergäbe unser Leben buchstäblich keinen Sinn. Haben die Postmodernen erkannt, dass es unendlich viele Interpretationen und Sichtweisen und Fakten gibt, so hilft uns diese Mannigfaltigkeit nicht, unser Leben zu leben. Wir benötigen k o n k r e t e n Geschichten, die wir in Handlung reproduzieren, variieren, neu durchleben. Und in dieser Hinsicht, ergeben die biblischen Geschichten ebenso Sinn, wie die Heldenmythen der griechischen Sagenwelt oder die Grimm´schen Märchen, die wir – warum wohl? – immer und immer wieder unseren Kindern vorlesen. Wer niemals die Faszination von Kindern studiert hat, mit der sie ein und dieselbe Geschichte immer und immer wieder in sich aufnehmen, kann auch nicht die Bedeutung biblischer – oder was das angeht: in hinduistischer Machart die psychologische Bedeutung der Bhagavad-Gita – Geschichten verstehen.

Es ist damit klar, in welche Richtung diese Überlegungen gehen sollen. Wir wollen uns von allem metaphysischen Ballast, jeder esoterisch-schwammigen, jeder allzu komplizierten Vorannahme befreien und das Problem der Spiritualität vom Standpunkt des Bewusstseins und der Evolution selber angehen. Wir werden dabei allerdings immer wieder von einem häufigen Missverständnis irritiert, dass einen ernsthaften Zugang zur Spiritualität erschwert. Dieser Irrglaube, der nicht nur von einer gewissen naïveté, sondern auch von einer Art religiösem Eifer gespeist wird, erzeugt nicht selten instinktiven Missmut in all jenen, die klaren Geistes sind. Spiritualität erscheint jenen Wenigen infolgedessen keiner ernsthaften Betrachtung wert; nicht ohne Grund sind Deutungen des spirituellen Lebens als spät-religiöses Phänomen deshalb möglich. Daher muss schon jetzt betont werden, um solche kritischen Gemüter zu besänftigen: Wollen wir uns der Spiritualität tatsächlich annähern, müssen wir zunächst jene Einfältigkeit konfrontieren, dass solche quasi esoterischen Lebensformeln, die auf die eine oder andere Weise auf die Notwendigkeit des achtsamen Gegenwartsbezuges des Subjektes im Seins abzielen, in Wirklichkeit l e b e n s f e i n d l i c h sind. Ein solches Narrativ, wie es bedauerlicherweise in vielen Variationen kolportiert wird, kann den Anforderungen des Lebens n i c h t standhalten. Mehr noch, wir wissen, wir sind zukunftsgezogene Lebewesen, Handlungssysteme, die wir uns selbst und unser Weltbild in konstruktivistischer – man sagt auch: autopoietischer – Manier erzeugen. Wir handeln, das wissen wir nicht nur durch Heidegger, nicht in der Welt, sondern stets  m i t ihr, und selbst die ruhigsten, achtsamsten Momente der Meditation sind Zeiten voller Sturm und Drang. Wir können nicht n i c h t handeln. Die Vorstellungen, man könne ‚Nicht-Tun‘ oder nur ‚In-der-Gegenwart-Sein‘, sind nicht nur, wie wir sehen werden, eine Fehlinterpretation bestimmter spiritueller Einsichten, sondern eine Groteske. Wir handeln immer, erzeugen einen Zusammenhang aus Gegenwart und Zukunft, und gewinnen Sinn und Bedeutung aus diesem Zusammenhang. Eine Deutung der Spiritualität, die diese prozess-hafte Modalität des Seins nicht anerkennt, muss selbst der Vieldeutbarkeit der Gegenwart zum Opfer fallen – und tat es bisher erfolgreich!

Doch vielleicht offenbart sich hier etwas, was gewusst werden will, und noch nicht über genug Klarheit verfügt. Was kann uns ein solches Narrativ sagen? Und was will es eigentlich besagen? Was ist, muss man fragen, sein nützliches Element? Was der wahre – sprich: der ethische –  Kern eines solchen Narratives etwa sein k a n n, ist nicht, in der Gegenwart zu sein, sondern sich jetzt Ziele zu stecken und in der Gegenwart zu handeln. Und: Insofern wir uns auf eine solche Deutung einzulassen vermögen, können wir auch beginnen, von einem T e l o s, von einem Ziel der Spiritualität selbst zu mutmaßen.

Mit anderen Worten: D i e Spiritualität muss zunächst von diesem Schatten befreit werden, b e v o rwir uns ernsthafterweise mit ihr beschäftigen und sie als Form bestimmen können. Nur ein kleiner Wille ist vonnöten, um diesen Schleier zu heben und diese Anstrengung zu unternehmen. Wenn wir nämlich so einen Telos formulieren können, befreien wir die Spiritualität von dem Makel der Schwammigkeit und Un-Konkretheit. Wir können einen womöglich evolutionären S i n nin ihr erkennen, was und vorher versagt blieb. Spiritualität wird bestimmbar, bekommt Grenzen, bekommt Funktion, und befreit sich von den wunderlichen Einfällen und Marotten der Einzelnen, die aus der Spiritualität machen, was ihnen gerade in den Sinn kommt. Frage eintausend Esoteriker, was Spiritualität ist, und erhalte eintausend Antworten! Frage einen solchen Einzelnen zu zwei Zeitpunkten, was er zur Spiritualität denkt, und erhalte zwei Antworten! Lasst uns also Ordnung in das Chaos bringen! Lasst uns das Leben affimieren, vollständig, lasst uns die Werkzeuge nutzen, die uns die Evolution selbst zur Verfügung gestellt hat.

Ich vermute – und werde später zeigen! – dass ein solches Gegenwarts-Motiv, welchem jeder konkrete Telos fehlt, in Wirklichkeit jenes subtile und lebensfeindliche Leid erzeugt, stets am Versuche des Gegenwärtig-Seins zu scheitern und infolgedessen in dem unendlichen Regress bedingter Traumata-Aufarbeitung zu zirkulieren, seinen Ursprung in den postmodernen Kulturrevolution des letzten Jahrhunderts hat, gepaart mit der Missdeutung selektiv importierter östlicher Weisheiten. Dasselbe gilt im Übrigen für das leidige Harmoniedenken, dass die ‚spirituellen‘ Kommunen wie die Pestilenz durchdrungen hat. Niemand wächst durch Harmonie oder erhebt sich über seine niedrige Natur. Das Universum ist nicht nett, eine Supernova nicht fröhlich, Evolution nicht wohlgesinnt: Hier sind gewaltige Kräfte am Wirken. Die Geschichten der Bibel sind nicht angenehm; Arjuna muss sich von Krishna auf dem Schlachtfeld belehren lassen. Lasst uns dieses Harmoniedenken einfach mit dem Wort Jesu Christi beenden, bevor wir selbst voranschreiten: Ihr sollt nicht wähnen, dass ich gekommen sei, Frieden zu senden auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert.  Denn ich bin gekommen, den Menschen zu erregen gegen seinen Vater und die Tochter gegen ihre Mutter und die Schwiegertochter gegen ihre  Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.

Tom Amarque1 Comment