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Der Krieg der Seele

206 Seiten, ISBN: 978‐84‐946284‐7‐4, € 14,90

Klappentext:

Was ist Spiritualität, wo liegt ihr Ursprung, ihr Sinn und ihre Zukunft? Welche Probleme gehen mit der zeitgenössischen Spiritualität einher? Was ist ihr evolutionäres Potenzial, und welche Perspektiven können wir wählen um zu einer reifen Spiritualität zu kommen.

Tom Amarque formuliert eine Philosophie der Transzendenz, durch die wir uns diesen Fragen annähern und ein klares Bild über die Funktion der Spiritualität erhalten können.

 

Pressetext:

August 2018 – „Jeder spricht über Spiritualität, doch fragt man eintausend Leute, was Spiritualität ist, bekommt man eintausend unterschiedliche Antworten. Ich denke, dass es jedoch ein darunter liegendes Motiv gibt, dem alle zustimmen können“, erklärt Tom Amarque, Philosoph, Autor und Podcaster. In seinem Buch „Der Krieg der Seele – Ursprung und Sinn der Spiritualität“ räumt er mit den Mythen, die die Spiritualität umgeben, auf. Er ist überzeugt: „Genauso, wie sich Kunst fast automatisch entwickelte, als sich in der Geschichte der Menschheit das Bewusstsein erhob, so ist auch unser Drang nach Spiritualität tief in der Architektur unseres Geistes verankert.“  

Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit praktiziert Tom Amarque seit über 20 Jahren unterschiedliche Formen der Meditation. Doch er konnte sich nie weder mit New-Age, Esoterik noch mit Religion anfreunden. „Spiritualität spielt wie die Kunst eine wichtige Rolle in der Evolution unseres Bewusstseins. Doch diese Frage wurde noch nicht gestellt: Was ist es denn eigentlich, was das spirituelle Leben im Kern und gewissermaßen kulturübergreifend ausmacht? Welche Rolle spielt das evolutionäre Auftauchen des Bewusstseins bei dem spirituell-religiösen Leben? Und was passiert, wenn wir diese evolutionären Prinzipien, die in der Spiritualität zum Ausdruck kommen, bewusst anwenden?“

Sein Buch heißt „Der Krieg der Seele“, weil wir offenbar das Leid und die Krise benötigen, um als Menschen zu wachsen und zu reifen. „Leid ist gewissermaßen in unsere Existenz mit eingebaut, es tritt immer dann auf, wenn wir mit etwas konfrontiert werden, was unseren Erfahrungen und Erwartungen widerspricht.“ Aus diesem Grund haben alle Weisheitstraditionen gewissermaßen Leid-Bewältigungsstrategien oder Immunisierungstechniken entwickelt, nämlich den Chaoskampf und das Selbstopfer, und spirituelles Leben heißt im Wesentlichen, diese beiden Methoden zu verwenden. „Diese beiden Techniken waren evolutionär so erfolgreich, dass wir sie nicht mehr aus unserem gesellschaftlichen Leben wegdenken können, etwa wenn wir für unsere Kinder finanzielle Opfer bringen, damit sie eine bessere Zukunft haben, oder wenn wir etwas Neues probieren, unsere Komfortzone verlassen und das Chaos konfrontieren. Ursprünglich waren dies rein spirituelle Verfahren. Und das symbolische Selbst-Opfer ist es heute immer noch – etwa die Idee, sich ‚vom Ego zu befreien‘ oder alte Persönlichkeitsstrukturen hinter sich zu lassen. Eine Anerkennung dieser Prinzipien kann dabei helfen, zu einer Spiritualität zu kommen, die sich ihrer geschichtlichen Funktion bewusst ist.

 

Vorwort

 

W a s ist Spiritualität? Diese Frage, obwohl sie zunächst einfach zu beantworten scheint, wirft einige Schwierigkeiten auf. Wissen wir wirklich, was wir damit meinen, wenn wir von Spiritualität sprechen? Als ein Sammelsurium von Weltanschauungen und Praktiken unter dem Banner der S e l b s t t r a n s z e n d e n z scheint sie sich einer gewissen Klarheit zu entziehen. Was ist es genau, dieses spirituelle Leben? Ist es eine Art lebensweltlicher Bricolage, sowohl konzeptionell als auch in Ausübung, oder ist da gewisse geheime Architektur oder auch eine Ganzheit, die das Spirituelle zu etwas denkwürdigem, womöglich zu etwas essenziellem der menschlichen Natur erhebt. Ist sie vielleicht mehr als die Summe seiner aus allen Teilen der Welt zusammengewürfelten Teile? Können wir überhaupt von der Spiritualität sprechen, als einem Ding an sich, als etwas, das über Struktur und Form verfügt, dass sich über bestimmte Kommunikationen und Praktiken stabilisiert und andere dabei ausgrenzt? – so wie sich auch die Wissenschaft über Methoden zur Ermittlung von Tatsachen und der Kommunikation über Wahrheit und Falschheit von anderen Domänen des Lebens abgrenzt.

Ist da, noch einmal anders formuliert, ein größerer Sinn der Spiritualität erkennbar, und damit, ihr innewohnend, eine generelle Richtung, ein T e l o s, ein allgemeines Ziel, ja, eine Weise des Seins, gar eine allgemeine Praxis? Wenn ja, müsste dies bedeuten, dass sie, wie etwa die Wissenschaft oder Wirtschaft auch, in einem wechselseitigen Bezug mit allen anderen Bereichen des Lebens steht. Mehr noch, unser Menschsein, sowohl psychologisch als auch kulturell, müsste eng mit der Spiritualität verflochten sein, und das alltägliche Leben müsste durch sie nutznießen. Die Wissenschaft erhält u.a. auch ihre Legitimation, indem sie den praktischen Nutzen ihrer Arbeit Gesellschaft als solches zur Verfügung stellt und kulturell anschlussfähig ist. Können wir einen ähnlichen Anspruch für die Spiritualität wagen? Ist die Spiritualität etwas, was nicht nur einer internen Dynamik folgt, sondern auch in einen kulturellen Gesamtzusammenhang eingebettet werden kann?  

Womöglich – und ich bin Anhänger der piaget´schen Idee – wissen wir noch gar nicht, was die Spiritualität ist, oder was sie sein kann. Hatte Jean Piaget, dieser große Seelenkundige, nicht gezeigt, dass wir gewisse Dinge erst ausleben müssen,  b e v o r wir sie verstehen? Spielt nicht etwa ein Kind, bevor es die Regeln des Spiels beschreiben kann? Müssen wir nicht träumen, bevor wir den Traum analysieren und verstehen können? Folgt der Säugling nicht seinen biologisch mitgegebenen Instinkten, bevor es Konzepte und Vorstellungen über sein Verhalten entwickeln kann? Handeln wir nicht häufig und verstehen erst später – gerade weil wir gehandelt haben – unsere Motive? Es sind die Iterationen einer Sache, diese wiederholten Anwendungen des gleichen Prozesses, die seine Form nach und nach klärt, seine Kanten schärft und seinen Sinn enthüllt. Was Piaget und andere zeigten war, dass wir durch diese sich wiederholenden und sich entwickelnden Verhaltensiterationen gehen müssen, um nach und nach uns und die Welt zu verstehen. Und wir wissen dies auch aus der frühen Psycho-Analyse: Das, was noch im Unterbewusstsein verweilt, weil es noch nicht bewusst gemacht wurde, wird unser Leben auf subtile Weise kontrollieren und bestimmen. Es ist dieselbe Idee.

In der Tat, warum sollte es sich mit kulturellen Phänomenen anders verhalten? Was für die Psyche gilt, muss auch für die Kultur gelten. Müssen wir nicht durch die mannigfaltigen Erscheinungsformen des Spirituellen gehen – den schamanischen, religiösen, mystischen, esoterischen Formen –, um zu erkennen, was ihr eigentlicher Sinn ist? Womöglich hat sich die Spiritualität bislang tatsächlich nur in Fragmenten gezeigt, danach drängend, als Ganzes verstanden zu werden und über ihre eigene zerfasernde Form hinauszuwachsen, um ihren Sinn und ihren Telos zu enthüllen. D i e s soll unser Ausgangspunkt sein; ich werde es wiederholt erwähnen, damit es nicht in Vergessenheit gerät: Womöglich träumten wir in den letzten Millennien die Spiritualität, betrachteten sie fragmentarisch, ohne sie richtig zu verstehen, so wie sich ein Traum auch manchmal einer klaren Deutung entzieht. W-omöglich waren wir in ihren Symbolismen und kulturellen Ausformungen gefangen. Vielleicht offenbart sie ihren Kern erst jetzt, nachdem alle archaischen, vormodernen, modernen und postmodernen Iterationen durchgespielt wurden, und alle religiösen Formen ihr Ende gefunden haben. Vielleicht können wir erst jetzt sehen, was es ist, was sie ermög-licht. Sogar die Philosophia Perennis, einen gemeinsamen Ursprung der Weisheit postulierend, konnte sie noch nicht klar erkennen, legte sie ihr Augenmerk auf metaphysische Zusammenhänge und kulturelle Gemeinsamkeiten und nicht grundlegend biologische – oder allgemeiner: existenzielle – Bedingungen und kognitive Architekturen.

Denn erweitert man experimentell den Zeithorizont und betrachtet alle historischen Formen von den frühmenschlichen Begräbnisriten über die archaischen Formen des Schamanismus, hin zu den mesopotamischen, ägyptischen und griechischen und östlichen Kulten zu den großen Weltreligionen und Traditionen, dem Christentum, dem Hinduismus und Buddhismus, hin zur Alchemie, dem Hermetismus hin zu der Lebensreform und dem New Age als Iterationen dieser einen und derselben Grund-Bedingung, so muss man fragen: Was ist es eigentlich, was sich hier ausdrücken und gewusst werden will? Was ist es eigentlich, das iteriert, was ist sein Kern, sein Motiv, sein Sinn? Können wir vielleicht etwas über die menschliche Natur und das menschliche Bewusstsein verstehen, wenn wir all diesen Ansatz wählen?

In diesem Zusammenhang muss gesagt werden, dass eine erste Konsequenz dieses Ansatzes wäre, deutlich zu machen, dass ich mich verweigere, in Bezug auf all die erwähnten kulturellen Phänomene oder Strömungen als religiöse Phäno-mene zu sprechen, wie es zuweilen getan wird. Nicht nur, weil der ursprüngliche lateinische Begriff religio im Kontext der quasi-spirituellen Gesamthistorie von mindestens dreihunderttausend Jahren des Menschen ein relativ junger Begriff ist; nicht nur, weil er sich bis heute einer eindeutigen Definition entzieht; nicht nur, weil eben dieser Begriff schon bald scheitern sollte, östliche Traditionen und Weisheitslehren angemessen zu erfassen; nicht nur, weil eine zugeschriebene Hinwendung, Bindung oder auch Abhängigkeit von einem vorausgesetzten Gott nicht notwendiger Teil aller prä- und auch postmodernen Formen des Spirituellen war; – sondern auch und vor allem, weil gewisse geistig-‚spirituelle‘ Phänomene überlebt haben, während ihre mythologischen und ihre religiösen Aspekte längst gefallen sind, oder explizit von dem bedeutendsten Philosophen der Neuzeit schlicht umgebracht wurden. Überdies: Was auch immer ein Gott heute sein soll, so verletzt doch jedwede Anbiederung an ihn als Entität schon unser Ehrgefühl. Der Turm – das Gotteshaus selber – ist tatsächlich gefallen, wie vom Christentum vorausgesagt. Und nicht nur in diesem Fall hat die christliche Geschichte ihr eigenes Ende vorausgesehen – oder hat, wie im Falle der Wissenschaft: e x p l i z i t darauf hingearbeitet, entstand doch das rational-empirische Denken durch die A-rbeit religiöser Hände. Und dennoch stehen wir trotz allem und in bemerkenswerter Weise nicht mit leeren Händen da.

Doch dies soll kein Abgesang auf zweitausend Jahre christlicher Kulturgeschichte sein. Ganz im Gegenteil können wir womöglich – so glaube ich! – das Wesen des Spirituellen besser verstehen, wenn wir uns dem Religiösen erneut zuwenden, unsere automatische Aversion überwinden, die Tugenden integrieren und prämodernen und prärationalen Irrtümer ablegen, um ihren wahren Gehalt – womit ich meine: ethischen und erzählerischen Gehalt – zu würdigen. Gerade das Christentum hat sich ja eh nur wenig mit wirklich metaphysischen Fragestellungen beschäftigt; die Frage etwa, was ein Gott sei oder woher er kommt, bleibt im Buch der Bücher interessanterweise ungeklärt. Es ist dabei ja nicht nur die christliche Moral, die wir im Westen heute ausnahmslos internalisiert haben. Wir müssen unseren Blick erneut auf die Tatsache richten, dass die narrative Geschichtsstruktur der Bibel mehr denn je etwas über unser alltägliches Leben aussagt. Dein Mann, deine Frau hat dich verlassen: du hast den Fall aus dem Paradies noch nicht verstanden! Verzweifelst du am Leben, der Erfolg wird dir versagt – so lese erneut die Geschichte von Kain und Abel! Die Bedeutung dieser Geschichten muss gerade im Zeitalter der Psychologie einer neuen Einschätzung unterworfen werden. Wir wissen: Wir leben durch Narrationen und Geschichten, ohne diese ergäbe unser Leben buchstäblich keinen Sinn. Haben die postmodernen Denker erkannt, dass es unendlich viele Interpretationen und Sichtweisen gibt, so hilft uns diese Mannigfaltigkeit nicht, unser Leben zu leben. Wir benötigen konkrete Geschichten, die wir in Handlung reproduzieren, variieren und neu erleben können. Und in dieser Hinsicht e-rgeben die biblischen Geschichten ebenso Sinn wie die Heldenmythen der griechischen Sagenwelt oder die Grimm´schen Märchen, die wir – warum wohl? – immer und immer wieder unseren Kindern vorlesen. Wer niemals die Faszination von Kindern studiert hat, mit der sie ein und dieselbe Geschichte immer und immer wieder in sich aufnehmen, kann auch nicht die psychologische Bedeutung biblischer Geschichten verstehen.

Es ist damit klar, in welche Richtung diese Überlegungen gehen sollen. Wir wollen uns von allem metaphysischen Ballast, jeder esoterisch-schwammigen, jeder allzu spekulativen Vorannahme befreien und das Problem der Spiritualität vom Standpunkt des Bewusstseins und der Evolution selber angehen. Wir stoßen dabei schnell auf jenes Hauptproblem, mit dem die zeitgenössische Spiritualität im Grunde seit ihrem ersten – sollte ich sagen: spät-modernen? – Auftauchen im 19ten Jahrhundert und dann besonders mit ihrem Erstarken während der Kulturrevolution der 60er zu kämpfen hatte, und zwar nämlich ihrer vollkommenen I n k o h ä r e n z, sowohl was ihr Programm als auch ihre Methode angeht. Denn was will diese zeitgenössische Spiritualität eigentlich? Geht es um den Pfad der Selbst-Disziplinierung und Mäßigung oder darum, voll im ‚Hier und Jetzt‘ zu sein? – zwei vollkommen unterschiedliche Ansätze, die sich bei genauerer Betrachtung gegenseitig ausschließen. Geht es darum, mitfühlend oder radikal ehrlich zu sein? Eine schwierige Frage, denn der radikal ehrliche Selbstausdruck ist nämlich zuweilen alles andere als mitfühlend. Oder geht es darum, Entwicklungsstufen zu erklimmen oder Energiearbeit zu machen? Geht es um ‚Heilung‘ oder um ‚Erleuchtung‘? Wir wollen hier noch nicht einmal die Kontroversen berühren, die einen Begriff wie dem der Erleuchtung anhaften. Dreht sich Spiritualität darum, das Individuum in seiner Auseinandersetzung mit der Welt zu stärken, oder geht darum, in eine Art von Kollektivbewusstsein einzutauchen? Geht es um Glück oder darum, die Stärke zu gewinnen, das Leid unserer Existenz ertragen zu können?

Es scheint fast, diese D i f f u s i v i t ä t der Spiritualität schreckt nicht nur nicht die Menschen ab, sondern macht ein Großteil ihrer Attraktivität aus. Spiritualität scheint zu sein, was man aus ihr machen kann. Es gibt kein einheitliches Programm, keine verifizierten Methoden, kein klar deutbares Ziel. Ob nun Shakti-Pooja, Reiki oder Tantra-Seife, alles scheint dazuzugehören. Es ist kein Telos sichtbar, etwas, über das die anderen institutionalisierten einzelnen Gesellschaftssysteme, wie Luhmann gezeigt hat, durchaus verfügen. In der Tat treten als Konsequenz dieser strukturellen Inkohärenz – oder sollte man sagen: wegen dieses funktionellen Vakuums – seltsame Trugschlüsse oder Irrtümer zutage, die einen Großteil des spirituellen Lebens zu durchdringen scheinen. Wir werden uns mit diesen Trugschlüssen und Pathologien im dritten Kapitel beschäftigen; ebenso dort mit dem Versuch, den Nährboden zu unter-suchen, aufgrund dessen diese Irrtümer überhaupt entstehen konnten, und welche Konsequenzen wir deshalb zu tragen haben. Wie wir sehen werden ist diese Inkohärenz mitsamt ihren Irrtümern vor allem eines: l e b e n s f e i n d l i c h, und stört so vehement die Entwicklung von Psyche und Kultur.

Tatsächlich muss, und auf diese These werden wir auch mehrfach zurückkommen, diese Inkohärenz mit denen ihr verbundenen Irrtümern automatisch auftauchen, sofern die Spiritualität durch ihre spät- oder postmoderne Iteration hindurchgeht. Die hier aufzuwerfende Frage ist dann, ob dies eine angemessene Deutung des Phänomens des spirituellen Lebens an sich ist, oder ob in der Spiritualität nicht existenziellere Problemstellungen zum Ausdruck kommen können, die uns seit der Menschwerdung und dem Auftauchen des Bewusstseins selbst begleiten, die wir aber nicht beobachten können, weil wir eben in ihrer zeitgenössischen Spielform zu sehr verwickelt sind.

Das Argument, das ich hier entfalten werde, ist, dass die Rolle, die das Bewusstsein und seine Architektur in der Entwicklung der Spiritualität spielt, noch nicht ausreichend bewertet wurde. Das historische Auftauchen des Bewusstseins in der Menschheitsgeschichte – aufgrund welcher Faktoren auch immer – musste nämlich eine ganze Reihe von neuen und existenziellen Problemen aufwerfen, die gelöst werden mussten; jede Entwicklung, sei sie jetzt biologisch, sozial oder psychologisch, bringt stets eine Reihe von neuen Problemen mit sich. Dieses Buch wäre insofern ein Versuch zu zeigen, dass die Spiritualität Lösungen für diese existenziellen und neuen Probleme anbot, die mit dem Auftauchen des Bewusstseins entstanden. Ebenso werde ich zeigen, dass sie diese Funktion auch immer noch erfüllen kann, wenn wir nur durch den Nebel der postmodernen, esoterischen Spiritualität blicken könnten. Das heißt, dieses Buch ist damit auch ein Versuch, die evolutionäre Funktion der Spiritualität herauszulösen. Ich befürchte nur, dass wir, um diese grundlegenderen existenzielleren Motive zu untersuchen, einen Großteil unserer Vorstellungen, was wir heute unter Spiritualität verstehen, ablegen müssen.

Was also will die Spiritualität? Vielleicht offenbart sich gerade in den Sümpfen der zeitgenössischen Spiritualität – Visita Interiora Terrae Rectificando Invenies Occultum Lapidem Veram Medicinam – etwas, was gewusst werden will, ein wahrer, goldener Kern also, der sich nur in den Niederungen des Irdischen und dem Beginn des Menschlichen demjenigen offenbaren wird, der den Mut hat zu schauen. Gerade in Abgrenzung zur postmodernen Spiritualität kann und muss man dann fragen: Was wäre dann ihr nützliches Element? Was der ethische Kern einer solchen evolutionären Spiritualität? Und was ihre eigentliche psychologische und soziale Funktion? Insofern wir uns dann auf eine solche Herangehensweise einzulassen vermögen, können wir auch hoffen, uns einem Telos, einem Ziel der Spiritualität anzunähern.

Um uns überhaupt diesem Bereich annähern, dürfen wir allerdings eine Angelegenheit nicht unerwähnt lassen, nämlich das Problem der Sprache. Wir dürfen nicht fragen, was die Spiritualität oder was Transzendenz – wenn nicht gar Selbsttranszendenz – sei, sondern stattdessen, was denn genau im Akte der Transzendenz zu geschehen vermag und, noch grundlegender, wodurch sich genau spirituelles Handeln kennzeichnet. Es gibt so etwas wie die ‚Spiritualität‘ nämlich nicht, dies ist eine linguistische Objektivierung von etwas, was wir tun oder praktizieren. Es wurde schon eine Menge über dieses Problem geschrieben, Prozesse als Dinge zu identifizieren; Bewusstsein selbst ist ein gutes Beispiel; auch Bewusstsein ist kein Ding, sondern vielmehr ein Modus gelebter Erfahrung. In dieser Hinsicht gibt es auch keine ‚Bewusstseinsstufen‘ der kognitiven Entwicklung, sondern nur unterschiedliche Weisen, subjektive Erfahrungen zu erschaffen und zu bewerten.

Dies ist eine grundlegende Veränderung in unserer Ausgangsposition, denn wir fragen nicht nach dem Ding, sondern nach dem Prozess. Spiritualität ist etwas, was wir tun, nicht etwas, was an sich ist; eine Nominalisierung erzeugt stets Verwirrungen. Wenn ich also im Folgenden von ‚Spiritualität‘ spreche, tue ich das nur aus Konvention, aus Einfachheit! Gemeint ist stets das spirituelle Handeln, also das, was wir de facto tun, und welche Konsequenzen und Wirkungen durch dieses Handeln erzeugt werden. Wir nähern uns mit diesen Vorüberlegungen langsam dem Ausgangspunkt unserer Betrachtungen. Denn wenn wir das spirituelle Handeln als unseren Ausgangspunkt nehmen, müssen wir fragen, was es denn genau ist, was wir tun, wenn wir spirituell handeln? Man könnte nun annehmen, eine Definition der Techniken und ihrer Anwendung könnte ausreichen, um das spirituelle Leben beschreiben zu können. Spirituell handeln würde dann zum Beispiel derjenige, der Yoga übt. Ich halte aber diesen Ansatz, der sich an gewissermaßen externen und tradierten Verfahren orientiert, für problematisch, denn Verfahren und Techniken ändern sich bekanntlich, und es gibt Menschen, die Yoga üben, sich aber nicht als spirituell bezeichnen würden. Außerdem würde es uns auch nicht helfen, eine postmoderne Spiritualität von einer grundsätzlicheren, existenzielleren Spiritualität abzugrenzen, in denen dieselben Techniken verwendet werden. Wir müssen also ein wenig tiefer schauen. Wenn diese ‚externalisierten‘ oder ‚kulturalisierten‘ Techniken und Methoden nicht das spirituelle Leben definieren, was denn dann?

Aus diesem Grund werden wir zunächst einen Blick auf das Bewusstsein werfen als Agens spirituellen Handels. Weniger sind die Techniken ausschlaggebend als das erfahrene und sich verändernde Bewusstsein, während es erfolgreich diese Techniken anwendet. Spirituell zu handeln heißt dann, etwas Bestimmtes mit seinem Bewusstsein zu tun. Was das ist, oder sein kann, wollen wir in Kapitel 1 und 2 betrachten. Dies also soll das Programm dieses Buches sein: Spiritualität als postmodernes Zeitgeistphänomen zu trennen von einer Spiritualität, die gewissermaßen der Architektur des Geistes und dem auftauchenden Selbstbewusstsein entspringt. Dementsprechend werden wir in Kapitel 1 und 2 diese Architekturen oder Prozesse betrachten, bevor wir im dritten Kapitel auf eine Kritik des postmodernen spirituellen Lebens eingehen, und ihren Nährboden und ihre Leistungen wie auch ihre Irrtümer, Fehlleistungen und Möglichkeiten betrachten.