Aller Anfang ist schwer: Eine Annäherung an die US-Präsidentschaftswahl 2016

Wie so viele Menschen wachte ich am Mittwoch Morgen mit einem schlechten Gefühl im Magen auf. Ich hatte mich nicht zurückhalten können, gleich nach meinem Smartphone zu greifen und die Nachrichten zu verfolgen. Und es dauerte ein paar Tage, bis sich in mir ein relativ klares Bild – oder eine Meinung – zu den erschreckenden Ereignissen und dem Wahlausgang formte. Und die besteht darin, dass ich mittlerweile annehme, dass die Wahl des Populisten Trumps das erste massive Auftauchen einer tatsächlich post-postmodernen Stufe von Kulturentwicklung und Bewusstsein ist – und das Amerika (mal wieder) hier eine globale Führungsrolle einnimmt. Ich denke nicht, dass Trump oder Clinton post-postmodern sind, aber ich denke auch, dass es verkehrt ist, die Wahl Trumps gesamtgesellschaftlich als einen Regress auf eine nationalistische & faschistoide Entwicklungsstufe zu begreifen.

Was wir beobachten können ist eine eklatante Zunahme von Individuen, die nicht nur die faschistoiden Tendenzen von Trumps Populismus und seinem Turbokapitalismus sehen können, sondern für die gleichzeitig auch die Janus-Gesichtigkeit von Hillary Clinton und der ‚liberalen‘ demokratischen Partei der Vereinigten Staaten abschreckend ist. Man sieht das zunächst an der Wahlbeteiligung: Die Anzahl der republikanischen Wähler ist seit 2008 etwa dieselbe, nämlich fast 60 Millionen. Was mit dem Wahlergebnis geschehen ist, ist, dass Clinton nicht die Wähler mobilisieren konnte, die Obama brauchte, um sich 2008 und 2012 durchzusetzen. Auch sie konnte etwa 60 Millionen Menschen für sich begeistern. Das heißt, wir sprechen hier von einer unsichtbaren Wählerschaft von etwa 100 Millionen Menschen, die es vorgezogen haben, nicht zu wählen. 100 Millionen ...

Ich will nicht argumentieren, dass sich alle 100 Millionen Menschen, die nicht gewählt haben, über die Fallstricke postmodern/liberal/pluralistischer Werte hinausentwickelt haben, sondern bestenfalls eine unbestimmte aber doch offenbar wahlentscheidende Teilmenge. Man erkennt das u.a. daran, dass sich die Kommunikation und Debatte verändert hat. Es ist in den vergangenen acht Jahren klar geworden, dass Barry Obama alles andere als ein Peacenik und angekündigter Heiland war. In seiner Amtszeit deportierte ermindestens drei Millionen Menschen[1], eine Tatsache, die ihm den Namen ‚The great Deporter‘ einbrachte. Er tötetet mit seinem Dronenkrieg unzähligen muslimische Frauen und Kinder; seine Handling des Gefängnissystems war gelinde gesagt unter aller Sau. Er schloss – wie 2008 versprochen – Guantanamo nicht, ebenso wie er auch – wie 2008 versprochen – das Überwachungssystem nicht änderte. Snowden ist immer noch im Asyl. Millitärausgaben gingen unter Obama in die Höhe.[2] Clinton wäre eine Fortführung dieses Systems geworden. Sie unterstützte den Krieg im Irak und wäre mit Russland in Syrien auf Konfrontationskurs gegangen. Man sollte durchaus mal fragen dürfen, ob die Wahl Trumps nicht eine Form kollektiver Intelligenz war, um einen Dritten Weltkrieg zu vermeiden.[3]

Das will natürlich kein liberaler Linker hören, diesen Schatten will kein US-Demokrat sehen.

Um diese Doppelgesichtigkeit der amerikanischen Demokraten zu erkennen, muss man verstehen, dass die amerikanische Linke und Liberalismus seit mindestens 50 Jahren unter dem paradoxen Problem leidet, innenpolitisch für Identitätspolitik zu stehen, während ihre Außenpolitik durch endlose Kriege gekennzeichnet sind, die ihrer innenpolitischen Ethik vollkommen widerspricht. Es erzeugt ein ungesundes kulturelles Klima, wenn man – mit einfachen Worten – darüber diskutiert, wer im Land wo aufs Klo gehen kann, während man gleichzeitig im Ausland Kinder wegbombt. Außenpolitisch, und das ist ganz wichtig, sind die Amerikaner – allen voran die Demokraten – evangelistisch-imperialistisch gesinnt. Sie wollen die Welt nach ihrem Antlitz gestalten. Die Gute Nachricht (puritanisch gesinnter Demokratie) muss verbreitet werden.

Beachtenswert ist dabei, dass die Linke den sogenannten Kulturkrieg in Amerika und Europa für sich entschieden hat.[4] Daher: Viele, die heute aber die Ideologie der Linken hinterfragen, werden leichterdings als undemokratisch abgestuft. Tatsächlich zeigt aber die Wahl, dass die Menschen in Amerika nicht alle auf einmal nationalistisch wurden. Vielmehr nahm die Menge der Leute zu, die auf die Pathologien der Linken allergisch reagierten. Und häufig basieren diese Pathologien auf performativen Widersprüchen, die eben so typisch für die Postmoderne sind. Widersprüche wie z.B. jene, in jeder Form von Pornografie und halbnackten Models stets eine Form von Sexismus zu sehen, und damit gleichzeitig diesen Models das Recht abzusprechen, mit ihrem Körper zu machen, was sie wollen. Widersprüche wie das Dogma der political correctness, dass eigentlich Unterdrückung und Machtgefüge auflösen sollte, und dabei selbst zu einem Kontroll- und Bestrafungsinstrument wurde. Widersprüche, wie sie der ganzen Idee des Feminismus unterliegen, die Macht der Frauen zu stärken, während die gesellschaftliche Realität doch größtenteils darin besteht, dass ein Großteil der Männer sowieso versucht, es den Frauen – banal gesagt – recht zu machen, damit der Haussegen nicht schief hängt. Im Gegensatz zu ihrem Anspruch bilden die postmodernen Bewegungen wie Sexismus, Feminismus, Pluralismus etc. eben nur einen keinen Teil der Gesellschaft ab; man denke nur an die vielen aufgeklärten und gebildeten Frauen, die sich von der Doktrin des Feminismus losgesagt haben. Überdies bestärkt das Narrativ des Feminismus pathologische patriarchalen Machtstrukturen, wo sie tatsächlich auftreten … wie Foucault schon erkannt hatte bestärkt jeder Diskurs paradoxerweise die Schismen, aufgrund derer er überhaupt zustande kommt. Oder eben den erwähten Widerspuch in ihrer Innen- und Außenpolitik.

Individuen aber, die sich sowohl von den Pathologien UND Ideologien des Nationalismus, des modernen Kapitalismus UND der liberalen Postmoderne mit ihrer widersprüchlichen Identitätspolitik/endlosem Krieg lösen und erheben können, sind notwenigerweise post-postmodern … was man jetzt auch immer darunter versteht. Sobald man sich über die Ideologien und Pathologien einer Stufe erheben kann – sobald man sie beobachten kann – sobald ist man auf frei von ihnen. Das führt natürlich zu neuen Problemen und Anforderungen.

Eines der Narrative dieser Wahl besagt, dass Clinton und das Establishment fernab aller sozialen Realität die Menschen auf dem Land und ihre Sorgen ausgrenzte. Womöglich ist die Wahl Trumps eine Möglichkeit zu einer ganzheitlichen Integration … auch dies ein Schlagwort, was schon mit einer post-postmodernen Entwicklungsstufe des Geistes und Kultur in Zusammenhang gebracht wurde. Ich persönlich hoffe nur, dass diese Entwicklung dorthin nicht dadurch zustande kommt, dass Trump alles gegen die Wand fährt. Auf der anderen Seite ist das erste Auftauchen einer neuen Entwicklungsstufe immer mit einem Ausbruch von Energie verbunden. Aller Anfang ist eben schwer.

 

[1] http://abcnews.go.com/Politics/obamas-deportation-policy-numbers/story?id=41715661

[2]http://www.slate.com/articles/news_and_politics/war_stories/2016/02/president_obama_s_military_budget_is_still_one_of_the_biggest_ever.html

[3] http://edition.cnn.com/2016/10/12/politics/us-russia-tensions-cold-war/index.html

[4] http://thefederalist.com/2016/06/14/why-the-left-has-not-won-the-culture-war/

 

Tom AmarqueComment